
Ein Stück Solothurner Kunstgeschichte «Ein Ort wie dieser» in der Galerie S O zeigt prägende Figuren aus über 50 Jahren Galerie-Geschichte – und Neues.
Vanessa Naef
Ein Zinnteller, der zur Schildkröte wird. Ein Papiersack, der sich bei genauem Hinschauen als Silbertüte enttarnt. Gegossene Objekte, die den Anfang und das Ende eines Künstlerlebens verbinden. All das ist derzeit in der Galerie S O im Haus am Riedholzplatz 18 in Solothurn zu sehen. «Ein Ort wie dieser» ist eine Retrospektive – und will gleichzeitig mehr als das sein.
Kunsthistoriker und Kurator der Ausstellung, Christoph Lichtin, und Felix Flury, Inhaber der Galerie S O, zeigen Werke, die die Geschichte des Hauses verdeutlichen sollen. Die Schau würdigt das Schaffen der Galerien, die seit 1969 am Riedholzplatz miteinander verbunden sind: Die Galerie Bernard von Hans Liechti, die Galerie Medici und die 2003 von Flury gegründete Galerie S O.
Ein einordnender historischer Abriss liegt als gedruckter Text in der Ausstellung auf, ansonsten setzt diese auf eine künstlerische Würdigung, indem sie Werke prägender Figuren ausstellt. Vorgegangen ist Lichtin im Dialog mit Flury, daraus ist eine Schnittmenge aus deren beiden Vorlieben entstanden. Diese liegt zwischen Kunst und Design – naheliegend mit Flurys Hintergrund als «Schmuckgestalter». Er ist ursprünglich Gold- und Silberschmied. «Uns interessieren Objekte, Materialität und Humor», sagt Lichtin.
Kunst trifft auf Schmuck und Design
Gezeigt werden zeitgenössische Werke, es sind vorwiegend Objekte. Einer dieser zentralen Figuren ist der Solothurner Roman Candio, bekannt vor allem für bunte Kunst am Bau. Von ihm gibt es nun aber Skulpturen zu sehen: Als junger Künstler habe er auch Objekte gemacht – jetzt hat der Neunzigjährige mit finanzieller Unterstützung der Galerie über 60 Jahre alte Gipsmodelle als Figuren in Keramik und Bronze giessen lassen.
Candio war einer jener regionalen Künstler, die im Eröffnungsjahr 1969 von Hans Liechti ausgestellt wurden, dessen Galerie dann Roberto Medici übernommen hat. Mit Medici verbunden und Teil der Ausstellung sind René Zäch und Franz Eggenschwiler.
Die Materialien, die zu sehen sind, umfassen etwa Keramik und Aluminium, aber auch alltägliche wiederverwendete Gegenstände und Materialien, die zu Kunst gewandelt werden. Sind es Halsketten, sind es Bilderrahmen? Bei Caroline Broadhead platzen Perlen aus einem Rahmen, sind Ketten grobgliedrig und hängen an der Ausstellungswand – könnten aber auch um den Hals platziert werden. Mit ihrer Schmuckkunst werden Fragen nach den Grenzen von Raum und Körper aufgeworfen.
Die Ausstellung weise aber auch in die Zukunft, sind sich Lichtin und Flury einig. Zu sehen sind zum Beispiel auch Werke von Nancy Wälti, die bisher noch nie im Haus ausgestellt hat. Sie zeigt eine neue Installation. Und Judith Albert präsentiert eine sich verformende Aquarellzeichnung als Video und erweitert die Ausstellung damit um eine mediale Form.
Sie wollen Räume bewahren
«Die Ausstellung ist auch ein Statement: Solche Orte braucht es für den Kunstbetrieb», sagt Christoph Lichtin. «Ich bin hier gross geworden, habe Kunst auch in diesem Haus lieben gelernt.» Es ist ihm also ein Anliegen, dass solche Räume weitergeführt werden. Doch dazu braucht es viel Engagement und Leidenschaft, sagt Flury. Einfach offen zu haben, reiche nicht mehr aus – es brauche etwa auch Events, wie das Kunsthopping Artur. Er berichtet, dass es gerade seit den Pandemiejahren einen Knick bei den Besucher- und Verkaufszahlen gegeben habe.
Für die Galerien, die Kunst auf den Markt bringen und vom Verkauf leben, eine Schwierigkeit. In der Stadt gibt es dennoch um die zehn Galerien. Laut Flury besuchen viele Menschen Museen und sehen dort subventionierte Kunst – und würden denken, damit sei alles abgedeckt. «Doch wovon leben die Künstler?», fragt er. Und wer ausstelle, inspiriere wiederum andere – das soll auch in Solothurn künftig nicht abreissen, so der Wunsch der beiden.
InfoKünstlergespräch, Freitag, 5. Dezember, 19 Uhr, mit Christoph Lichtin, Roman Candio, Roberto Medici, Nancy Wälti. Ausstellung bis am 13. Dezember. Mit: Judith Albert, David Bielander, Caroline Broadhead, Roman Candio, Franz Eggenschwiler, Christian Gonzenbach, Max Kohler, Bernhard Schobinger, Hans Stofer, Nancy Wälti, René Zäch.